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Lerche vs. Eule: Warum Europa an einer Stunde scheitert

Die Zeitumstellung sollte 2021 abgeschafft werden. Fünf Jahre später drehen wir immer noch an der Uhr. Der Grund ist ein Konflikt, der tief in unserer Biologie steckt. Zwischen Frühaufstehern und Nachtmenschen. Zwischen Nord und Süd. Ein ZENTRALE Gründer gesteht: Er findet die Sommerzeit super.

Lerche vs. Eule: Warum Europa an einer Stunde scheitert
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Hallo Leute, ich muss euch etwas gestehen: Ich freue mich auf die Zeitumstellung.

Am 29. März werden die Uhren eine Stunde vorgestellt. Ich weiß, dass mich jetzt ungefähr 80 Prozent von euch für verrückt erklären. Aber hört mich kurz an.

Ich bin Frühaufsteher. Eine sogenannte Lerche. Um 5 Uhr morgens bin ich wach, oft ohne Wecker. Dafür bin ich abends um 21 Uhr durch. Die Sommerzeit ist für mich kein Verlust. Sie ist ein Upgrade. Morgens wird es früher hell, abends bleibt es länger warm. Mein Körper fühlt sich mit dem Umschalten sofort wohler.

Ich schreibe das von Zypern aus, wo ich seit Mai 2018 lebe. Hier geht die Sonne im Sommer schon vor 6 Uhr auf. Als Lerche ist das wie ein Geschenk. Aber genau hier wird es interessant.

Denn Zypern hat gerade die EU-Ratspräsidentschaft inne. Und hat das Thema Zeitumstellung wieder auf die Tagesordnung gesetzt. Gleichzeitig gehört Zypern zu den Ländern, die die Umstellung beibehalten wollen.

Ich als Lerche auf Zypern finde die Sommerzeit großartig. Man könnte sagen:

Ich lebe im Zentrum des Widerspruchs

Aber diese Geschichte ist größer als meine persönliche Vorliebe. Hinter der Frage Zeitumstellung: ja oder nein? steckt ein Konflikt, der tief in unserer Biologie verankert ist. Und genau an diesem Konflikt scheitert Europa seit sieben Jahren.

Es liegt in den Genen

Ob du morgens aus dem Bett springst oder dich bis zur letzten Sekunde unter der Decke vergräbst:

Das ist keine Frage der Disziplin. Es ist Biologie.

Die Chronobiologie, also die Wissenschaft von unserer inneren Uhr, unterscheidet im Kern zwei Typen: Lerchen und Eulen.

Lerchen sind morgens früh wach und leistungsfähig, dafür abends schnell müde. Eulen kommen erst gegen 10 Uhr in die Gänge, können dafür bis Mitternacht durcharbeiten.

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Zwei Stunden Unterschied. Im selben Haus.

Forscher der Berliner Charité rund um den Chronobiologen Achim Kramer haben gezeigt, dass sich die innere Uhr von Lerchen und Eulen um bis zu zwei Stunden unterscheidet. Das ist kein kleiner Unterschied. Das ist, als würden zwei Menschen dauerhaft in verschiedenen Zeitzonen leben, obwohl sie im selben Haus wohnen.

Und das Entscheidende: Dieser Rhythmus ist genetisch festgelegt.

Das sogenannte PER3-Gen spielt dabei eine zentrale Rolle. Menschen mit fünf Kopien einer bestimmten Gensequenz neigen zum Lerchen-Typ. Menschen mit vier Kopien eher zur Eule.

Aus einer Eule wird durch frühes Aufstehen keine Lerche. Sie wird nur eine müde Eule.

Was viele nicht wissen: Echte Lerchen und echte Eulen sind seltene Extreme. Die Mehrheit der Bevölkerung sind sogenannte Tauben, Mischtypen, die irgendwo dazwischen liegen. Der Chronotyp verschiebt sich auch über das Leben hinweg:

Was das für die Zeitumstellung bedeutet

Für Lerchen ist die Sommerzeit ein Segen. Das frühe Morgenlicht passt perfekt zum Rhythmus. Für Eulen ist sie eine Katastrophe. Sie verlieren nicht nur eine Stunde Schlaf. Sie werden in einen Tagesablauf gezwungen, der noch weiter von ihrer inneren Uhr abweicht als ohnehin schon.

Welcher Typ bist du? Ein einfacher Test: Denk an deinen letzten Urlaub ohne Wecker, ohne Termine. Wann bist du von alleine aufgewacht? Vor 7 Uhr? Lerche. Nach 9 Uhr? Eule. Dazwischen? Willkommen im Club der Tauben.

Was die Forschung sagt. Und was der Körper verrät.

Die gesundheitlichen Folgen der Zeitumstellung sind keine Vermutung. Sie sind vielfach belegt. Und sie sind erschreckend konkret.

Herz, Hirn, Straßenverkehr

Herzinfarkte: An den Montagen nach der Umstellung auf Sommerzeit steigt die Zahl der Herzinfarkte um etwa 24 Prozent. Das haben Forscher der University of Colorado über mehrere Jahre hinweg nachgewiesen. Eine Auswertung der DAK-Krankenkasse bestätigt das Bild: Statt der üblichen 45 Herzinfarkte pro Tag waren es an den drei Tagen nach der Umstellung im Schnitt 54. Ein Anstieg von 20 Prozent.

Schlaganfälle: Eine finnische Studie belegt, dass die Schlaganfallquote in den zwei Tagen nach Beginn der Sommerzeit um acht Prozent höher liegt als im Vergleichszeitraum.

Verkehrsunfälle: Eine Analyse von US-Unfalldaten über 21 Jahre zeigt rund 28 zusätzliche tödliche Verkehrsunfälle in der Woche nach der Sommerzeitumstellung. Der ADAC warnt zudem vor einem Anstieg von Wildunfällen, weil der morgendliche Berufsverkehr plötzlich wieder in die Dämmerung fällt.

Und was sagen die Betroffenen?

Laut einer DAK-Umfrage hat mehr als jeder vierte Deutsche gesundheitliche Beschwerden nach der Zeitumstellung. Die häufigsten: Müdigkeit, Schlafprobleme, Konzentrationsstörungen, Reizbarkeit. Frauen sind dabei deutlich häufiger betroffen als Männer. Bei knapp der Hälfte der Betroffenen halten die Probleme bis zu einer Woche an.

Was die Wissenschaft empfiehlt

Die Schlafforschung ist sich weitgehend einig. Wenn schon eine dauerhafte Zeit, dann die Winterzeit, also die sogenannte Normalzeit.

Der Münchner Chronobiologie-Professor Till Roenneberg bringt es auf den Punkt:

Morgenlicht ist der stärkste Taktgeber für unsere innere Uhr.

Dauerhafte Sommerzeit würde dieses Morgenlicht im Winter wegnehmen. Das belastet den Biorhythmus dauerhaft. Forscher der Stanford University haben errechnet, dass eine dauerhafte Normalzeit allein in den USA rund 306.000 Schlaganfälle pro Jahr verhindern könnte.

Beth Malow, Professorin für Neurologie, warnt:

Die Zeitumstellung bringt das System auf eine Art und Weise durcheinander, wie es bei einem einfachen Wechsel der Zeitzone nicht der Fall wäre.

Und ja. Das bedeutet, dass die Wissenschaft gegen meine persönliche Vorliebe spricht. Als Lerche auf Zypern genieße ich die Sommerzeit. Aber ich verstehe, warum Chronobiologen für die Normalzeit argumentieren. Und warum Eulen die Umstellung als Zumutung empfinden.

Der Konflikt, an dem Europa scheitert

All das wäre leicht zu lösen, wenn man sich auf eine einheitliche Lösung einigen könnte.

Genau daran scheitert die EU seit sieben Jahren.

Die Chronologie des Scheiterns

Sommer 2018: Die EU-Kommission startet eine öffentliche Online-Befragung. 4,6 Millionen Menschen nehmen teil. Die größte Konsultation in der Geschichte der EU. Das Ergebnis: 84 Prozent sprechen sich für die Abschaffung der Zeitumstellung aus.

März 2019: Das EU-Parlament stimmt dem Vorschlag zu. Die Zeitumstellung soll 2021 Geschichte sein.

2019 bis heute: Der Ball liegt beim Rat der Europäischen Union, also den Regierungen der Mitgliedsstaaten. Und da liegt er immer noch.

Denn die Frage ist nicht mehr ob. Die Frage ist: Welche Zeit bleibt?

Nord gegen Süd. Lerche gegen Eule.

Hier prallen Lerchen und Eulen auf geopolitischer Ebene aufeinander:

CSU-Europaabgeordneter Markus Ferber kritisiert:

Wir können Fortschritte in diesem Thema nicht auf ewig vertagen und damit den Mehrheitswillen der Bevölkerung ignorieren.

Trotzdem passiert genau das. 2024 wurden alle Verhandlungstexte zur Abschaffung von der Agenda des Rats gestrichen. Fünf Jahre Stillstand. Normalerweise werden Vorschläge nach so langer Zeit komplett zurückgezogen. Dass dieser überlebt hat, zeigt: Das Thema ist politisch heiß, aber unlösbar. Zumindest bisher.

Frischer Wind im März 2026

Jetzt gibt es einen neuen Anlauf. Die EU will mit einer umfassenden Studie die festgefahrenen Fronten aufweichen. Ergebnisse werden bis Ende Juni 2026 erwartet. Für eine Einigung braucht es mindestens 15 der 27 Mitgliedsstaaten, die zusammen mindestens 65 Prozent der EU-Bevölkerung repräsentieren. Davon ist man weit entfernt.

Währenddessen haben über 60 Länder weltweit die Zeitumstellung bereits abgeschafft oder nie eingeführt: Russland, China, Türkei, Japan, Indien, Argentinien, Mexiko. Die Ukraine hat die Umstellung zuletzt im Herbst 2024 vollzogen und seitdem die Winterzeit beibehalten. Unter anderem mit Verweis auf die gesundheitlichen Belastungen.

Eine Sprecherin der EU-Kommission sagte der Nachrichtenagentur AFP:

Wir glauben, dass eine koordinierte Lösung immer noch möglich ist.

Glauben ist das operative Wort.

Lerche oder Eule: Welche Zeit soll bleiben?

Am 29. März wird die Uhr wieder vorgestellt. In der Nacht von Samstag auf Sonntag springt die Zeit von 2 Uhr auf 3 Uhr. Eine Stunde weniger Schlaf. Dafür abends länger hell. Die Sommerzeit gilt dann bis zum letzten Sonntag im Oktober.

An diesem Rhythmus wird sich absehbar nichts ändern.

Ich werde mich als Lerche auf Zypern an diesem Sonntag über die Umstellung freuen. Ich weiß aber auch: Für viele von euch beginnt damit eine Woche des Leidens. Und beides ist keine Frage der Einstellung. Es ist eine Frage der Gene.

Die eigentlich spannende Frage ist nicht, ob die Zeitumstellung abgeschafft wird. Sondern ob Europa es schafft, einen Kompromiss zu finden. Zwischen Lerchen und Eulen. Zwischen Nord und Süd. Zwischen Morgenlicht und Abendwärme.

Bisher sieht es nicht danach aus. Aber die neue EU-Studie könnte Bewegung bringen. Wir bleiben dran.

Und ihr? Lerche oder Eule? Welche Zeit würdet ihr wählen?

Frank Geldschläger

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