Medizinisches Cannabis -Was ist das und welche Wirkstoffe enthält es?

Seit dem Jahr 2011 können sich Schweizer Patienten medizinisches Cannabis auf Rezept verschreiben lassen. Cannabis enthält rund 600 chemische Verbindungen. Ausgewählte Substanzen können bei chronischen Schmerzen, Epilepsie und Multiple Sklerose eingesetzt werden.

Wir verraten, welche Wirkstoffe in Cannabis enthalten sind und geben einen Überblick über die aktuelle Studienlage. Zudem lüften wir das Geheimnis um die Begriffe „Terpene“ und „Entourage Effekt“.

Das Wichtigste auf einen Blick
  • Cannabis gehört zu den Hanfgewächsen und wird heutzutage rezeptpflichtig zur Linderung von chronischen Schmerzen und Erkrankungen genutzt.

  • Die Hanfpflanze enthält verschiedene Wirkstoffe, u.a. Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD). Während THC berauschend und psychoaktiv wirkt, wird CBD eine beruhigende und schmerzlindernde Wirkung nachgesagt und ist daher frei verkäuflich.

  • Die verschiedenen Cannabissorten weisen einen unterschiedliche Gehalt an THC und CBD auf. In unserer Übersicht haben wir die jeweiligen Anteile aufgelistet.

  • Terpene sind organische Kohlenwasserstoffe und ein chemischer Bestandteil von Cannabis. Laut Forschungen können Terpene positive Auswirkungen auf den menschlichen Organismus haben.

  • Entourage Effekt = interaktive Synergie zwischen den einzelnen Bestandteilen und Wirkstoffen der Cannabispflanze.

Vorteile
  • Medizinisches Cannabis ist einsetzbar bei chronischen Schmerzen und Erkrankungen
  • Enthält Vitamine, Ballaststoffe, Proteine, Mineralstoffe und Fettsäuren
  • Kann euphorisierend, entspannend, angstlösend, appetitanregend, schmerzlindernd, berauschend und dämpfend wirken
Nachteile
  • Anbau und Besitz von Cannabispflanzen ist illegal
  • Cannabis gilt aufgrund seiner psychoaktiven und berauschend Wirkung als Betäubungsmittel

Was ist Cannabis?

Cannabis stellt eine Gattung der Hanfgewächse (Cannabaceae) dar. Sie enthält psychoaktive Wirkstoffe, die als Rauschmittel konsumiert werden können. Dabei steht Tetrahydrocannabinol (THC) im Vordergrund.

Aufgrund der psychoaktiven Effekte, die von dem Pflanzenmaterial ausgehen, unterliegen Cannabis und die daraus gewonnenen Produkte dem Betäubungsmittelgesetz. Als illegales Suchtmittel ist sowohl der Besitz als auch der Handel und Anbau untersagt.

In den letzten Jahren macht Cannabis verstärkt als alternative Therapieform auf sich aufmerksam. Allerdings ist der Einsatz zur Steigerung des Wohlbefindens keine neue Erfindung. Die Hanfpflanze wird bereits seit Jahrtausenden verwendet, um verschiedene Beschwerden zu lindern.

Laut Überlieferungen dient Cannabis etwa seit 2000 vor Christus als Heilmittel. Später wurden die Pflanzenauszüge als Substanz gegen Lepra, Fieber, Durchfall und zur Beruhigung gehandelt.

Heute wird medizinisches Cannabis bei folgenden Krankheiten und Beschwerden verschrieben:

chronische Schmerzen

Multiple Sklerose

Tourette-Syndrom

depressive Störungen

ADHS

Daneben gibt es zahlreiche weitere Indikationen, die den Einsatz von medizinischem Cannabis ermöglichen können. Darunter chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Autismus, Allergien, Cluster-Kopfschmerzen und Epilepsie.

Welche Wirkstoffe sind in Cannabis enthalten?

Der Hanf, als einjährige krautige Pflanze, enthält verschiedene Inhaltsstoffe. Zunächst vereint Cannabis Vitamine, Ballaststoffe, Proteine, Mineralstoffe und Fettsäuren. Dieser wertvolle Mix wird durch verschiedene Cannabinoide ergänzt.

Diese werden für die erwünschten Effekte verantwortlich gemacht. Forscher können mittlerweile mehr als 60 verschiedene Cannabinoide unterscheiden. Zu den wichtigsten Vertretern gehören Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD).

Cannabis enthält weitere Cannabinoide. Diese können in der Regel aber nur in kleinen Mengen nachgewiesen werden und sind bislang nicht gut erforscht. Durch die Veränderung der Gesetzeslage ist es Wissenschaftlern nun möglich, neue Gattungen zu züchten. Damit können wenig bekannte Cannabinoide besser erforscht werden.

Gut möglich, dass neben THC und CBD zukünftig noch andere Inhaltsstoffe der Cannabispflanze in den Vordergrund treten.

Übrigens: Mithilfe von Extraktionsmitteln wie Ethanol können Chlorophyll, Alkaloide Aminosäuren und Aminozucker ebenfalls aus der Hanfpflanze extrahiert werden.

THC - Was ist es und wie wirkt es?

Tetrahydrocannabinol kann ausschließlich in der Hanfpflanze nachgewiesen werden. Als besonders reich gelten die Blütenstände. Sie vereinen etwa 6-20% des THC- Anteils. Danach folgen die blütennahen Blätter mit ca. 5-6 %. Im übrigen Teil der Pflanze ist nur noch 1% und in den Samen gar kein THC enthalten.

Es gibt männliche und weibliche Ausgaben der Hanfpflanze. Mit Blick auf medizinischen Cannabis ist die weibliche Form besonders interessant. Schließlich bildet sie die Blütenstände. Tetrahydrocannabinol kommt in der Cannabispflanze zum großen Teil als THC-Säure vor. Durch Erhitzen des Pflanzenmaterials kann die Säure in THC umgewandelt werden.

Cannabis besitzt verschiedene Eigenschaften. Der Konsum kann eine euphorisierende, entspannende, angstlösende, appetitanregende, schmerzlindernde, berauschende und dämpfende Wirkung im Körper hervorrufen. Zudem besitzen die Inhaltsstoffe muskelentspannendes und gefäßerweiterndes Potenzial. Diese Effekte werden in erster Linie dem enthaltenen THC zugeschrieben. Besonders interessant ist, auf welche Weise Tetrahydrocannabinol seine Eigenschaften entfaltet.

Der menschliche Körper besitzt spezielle Bindungsstellen, die sich an der Oberfläche vieler Zelltypen befinden. Daran können Cannabinoide andocken. Auch der Organismus selbst produziert Endocannabinoide, die sich ebenfalls an die Rezeptoren binden und sie aktivieren.

CB-Rezeptoren und Endocannabinoide formen gemeinsam das sogenannte Endocannabinoid-System. THC kann sich an alle bisher identifizierten Cannabinoid-Rezeptoren binden, also an CB1 und CB2. Diese Rezeptoren befinden sich im Gehirn, Rückenmark, verschiedenen Organen und Geweben.

Kurz gesagt: es wird vermutet, dass THC an die körpereigenen Cannabisrezeptoren andockt und so verschiedene Effekte auslöst.

CBD - Das weniger bekannte Cannabinoid und seine Wirkungen

Cannabidiol (CBD) zählt zu den Cannabinoiden. Die Substanz ist in der Hanfpflanze enthalten. Im Gegensatz zu THC geht von CBD keine berauschende Wirkung aus. Aus diesem Grund sind CBD Produkte frei verkäuflich, sie werden den Nahrungsergänzungsmitteln zugeordnet. Voraussetzung ist aber, dass sie weniger als 1% THC enthalten. Sowohl der Kauf als auch der Konsum von CBD Produkten ist dann legal.

Medizinischer Cannabis, der CBD enthält, ist allerdings immer verschreibungspflichtig. Das liegt daran, dass neben Cannabidiol und weiteren Cannabinoiden THC enthalten ist, von dem psychoaktive Effekte ausgehen.

CBD ist noch nicht so bekannt. Allerdings steht der Wirkstoff in den letzten Jahren vermehrt im Blick der Wissenschaftler und das aus gutem Grund. Schließlich konnte in Studien nachgewiesen werden, dass CBD beruhigende und angstlösende Eigenschaften besitzt.

Zudem konnte festgestellt werden, dass von Cannabidiol ein schmerzlinderndes Potenzial ausgeht. Damit könnte der Inhaltsstoff der Cannabispflanze für Menschen mit chronischen Schmerzen besonders interessant sein.

Nicht zuletzt wird wiederholt auf die entzündungshemmenden Eigenschaften von CBD hingewiesen. Deshalb werden Menschen mit anhaltenden Entzündungsherden im Körper (zum Beispiel chronisch-entzündliche Darmerkrankungen) zunehmend auf die Substanz aufmerksam.

Wie auch bei THC wird vermutet, dass CBD mit dem körpereigenen Endocannabinoid-System interagiert. Übrigens: Noch ist nicht vollständig geklärt, welche Bedeutung dem komplexen System zukommt. Wissenschaftler nehmen an, dass durch das Endocannabinoid-System Botenstoffe und Körperfunktionen beeinflusst werden.

Cannabissorten und ihre THC/CBD-Gehalt

Es gibt verschiedene Sorten von medizinischem Cannabis. Sie unterscheiden sich sowohl vom THC als auch vom CBD Gehalt. Mit folgender Liste geben wir einen Überblick über die Zusammensetzung der Wirkbestandteile.

CannabissorteTHC-Gehalt in %CBD Gehalt in %
Bedrocan221
Bedica141
Bedrobinol13,51
Bediol6,38
Bedrolite19
Pedanios 22/1221
Pedanios 20/1201
Pedanios 18/1181
Pedanios 16/1161
Pedanios 14/1141
Pedanios 8/888
Aurora 1/12112
Red No 424,30,5
Bakerstreet23,40,5
Red No 220,30,5
Orange No 113,60,5
Penelope10,47,5
Green No 38,111,7
Argyle5,47
Peace Naturals 20/1201
Peace Naturals 18/1181
Peace Naturals 16/1161
Peace Naturals 14/1141
Klenk 18/1181
TILRAY THC25251
TILRAY THC10 CBD101010
Cannamedical Hybrid Forte241
Cannamedical Indica201

Quellenangaben: Arbeitsgemeinschaft Cannabis Medizin - Medizinische Cannabissorten 2019

Weitere Cannabinoide mit therapeutischer Wirkung (Studienlage)

THC und CBD sind die bekanntesten Cannabinoide. Darüber hinaus gibt es noch weitere, die ebenfalls für positive Effekte im Körper sorgen sollen.

CBC (Cannabicromeno): CBC kann in ausgewählten Teilen der Cannabispflanze verstärkt nachgewiesen werden. Die Substanz besitzt keine psychoaktive Wirkung. Es wird vermutet, dass sie antidepressive und entzündungshemmende Eigenschaften besitzt. Zudem soll CBC gegen Pilze wirksam sein. Im Jahr 1980 hat eine Studie an Mäusen erste Hinweise auf die entzündungshemmende Wirkung geliefert. In einer weiteren wissenschaftlichen Untersuchung wurde belegt, dass CBC positive Effekte auf die Stammzellen im Muskel- und Nervensystem ausüben kann.

CBG – Cannabigerol: CBG kann zu Beginn des Pflanzenzyklus im Hanf nachgewiesen werden. Mehrere Untersuchungen legen den Verdacht nahe, dass CBG ebenfalls als therapeutisches Instrument benutzt werden könnte. So soll der Pflanzenwirkstoff antidepressive und schmerzlindernde Eigenschaften besitzen. Zudem soll CBG in der Lage sein, Enzyme und den Botenstoff Serotonin zu beeinflussen. Womöglich könnte das wenig bekannte Cannabinoid bei Krankheiten wie Krebs oder Glaukom, chronischen Entzündungen und ausgewählten Hauterkrankungen zum Einsatz kommen.

CBN – Cannabinol: Cannabinol ist für seine beruhigende Wirkung bekannt. Daher wird es auch zur Behandlung von Schlafproblemen diskutiert. Zudem liegt der Verdacht nahe, es aufgrund seiner potentiellen Wirkungsweise auch als Antikonvulsivum einzusetzen. Bei einem Antikonvulsivum handelt es sich um ein Medikament, das zur Vermeidung oder Therapie von epileptischen Anfällen genutzt wird. Seit dem Jahr 1963 ist das antikonvulsive Potenzial von CBN bekannt.

Da die Hanfpflanze Gegenstand vieler Studien ist, kann damit gerechnet werden, dass noch mehr Vorteile anderer Cannabinoide entdeckt werden.

Terpene

Cannabis setzt sich aus vielen chemischen Bestandteilen zusammen. Rund 140 von ihnen können der Gruppe der organischen Kohlenwasserstoffe, den Terpenen, zugeordnet werden. Sie befinden sich vorrangig im ausgeschiedenen Harz der Cannabispflanze.

Terpene sorgen für den Duft der Cannabispflanze. Besonders interessant ist, dass in jeder Sorte eine individuelle Terpenzusammensetzung nachgewiesen werden kann. Forscher schreiben neben Cannabinoiden auch Terpenen eine medizinische Wirkung zu.

Terpenen wird eine großartige Fähigkeit nachgesagt. Ihnen soll es gelingen, die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden. Der Körper nutzt diese Barriere, um giftige Substanzen am Eindringen in das Gehirn zu hindern.

Terpene sind rein chemisch gesehen organische Kohlenwasserstoffverbindungen. Wissenschaftler teilen sie in Abhängigkeit der vorliegenden Kohlenstoffmoleküle in Monoterpene, Sesquiterpene und Triterpene ein.

Medizinische Eigenschaften von Terpenen

Terpene kommen besonders häufig in den Blüten weiblicher, unbefruchteter Pflanzen vor. Dort bewahren die Duftstoffe das Gewächs vor Parasiten, Schädlingen, Pilzen sowie Bakterien. Darüber hinaus locken sie Insekten an, die für die Bestäubung verantwortlich sind.

Noch gelten Terpene noch nicht als gut erforscht. Bereits jetzt kann jedoch davon ausgegangen werden, dass die Duftstoffe zum sogenannten „Entourage-Effekt“ beitragen. Dazu später mehr.

So wie THC und CBD treten auch Terpene mit den Rezeptoren des Endocannabinoid-Systems in Kontakt. Dadurch nehmen die Substanzen scheinbar Einfluss darauf, wie Cannabis im menschlichen Organismus wirkt. Zudem gibt es erste Studien, die nahelegen, dass Terpene den Serotonin- und Dopaminspiegel ansprechen.

Ausgewählte Terpene und ihre potentielle Wirkungsweise

Limonen: Den Terpenen wird eine konzentrationsfördernde Wirkung nachgesagt.

Myrcen: Die Substanzen wirken unter Umständen beruhigend.

Beta-Caryophyllen: Die Terpene besitzen scheinbar neuroprotektive Eigenschaften und könnten womöglich bei der Behandlung von Parkinson und Co. eingesetzt werden.

Bisher standen Terpene bei der Cannabisforschung eher im Hintergrund. Weitere Studien könnten mehr über die aromatischen Duftstoffe als Einzelwirkstoff oder in Kombination mit Cannabinoiden herausfinden.

Entourage Effekt

Die Blütenstände von Cannabispflanzen sind mit einer klebrigen Schicht versehen. Darin ist eine Vielzahl von Wirkstoffen enthalten. Darunter Cannabinoide und Terpene. Sie stellen wichtige Akteure dar, wenn es um die Wirkungen rund um medizinischen Cannabis geht.

Die unterschiedlichen Inhaltsstoffe treten in Verbindung miteinander und stellen eine interaktive Synergie zwischen den Cannabisbestandteilen her. Das wird als „Entourage-Effekt“ bezeichnet.

Terpene sind beispielsweise in der Lage, die therapeutische Wirkung von Cannabinoiden zu verstärken. Ethan Russo, ein Neurowissenschaftler, konnte belegen, dass Terpene den negativen Einfluss von THC abdämpfen können. Somit könnten die therapeutischen Eigenschaften des Cannabinoids besser genutzt werden. Der erwähnte Wissenschaftler vermutet zudem, dass das Zusammenspiel zwischen Cannabinoiden und Terpenen das Potenzial von Cannabis steigern kann.

Einige Medikamente setzen bereits auf eine vielseitige Zusammensetzung, um die Vorzüge und synergetischen Effekte der Pflanzenbestandteile zu nutzen. So enthält medizinischer Cannabis neben THC häufig auch CBD und weitere Inhaltsstoffe.

Studien und Quellen zum Thema Medizinisches Cannabis
Studien und Quellen
Häufige Fragen
Welche Wirkstoffe enthält Cannabis?

Cannabis enthält neben Vitaminen, Ballaststoffen, Proteinen, Mineralstoffen und Fettsäuren auch Cannabinoide. Insbesondere letztere werden für die positive Wirkung von medizinischem Cannabis verantwortlich gemacht. Zu den häufigsten Vertretern gehören Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD).

Was sind Terpene?

Terpene sorgen für den Duft der Cannabispflanze. Bei Terpenen handelt es sich um Kohlenwasserstoffverbindungen, denen medizinische Wirkungen zugeschrieben werden. So sollen sie zum Beispiel dabei helfen, die Wirkung von Cannabinoiden zu unterstützen. Das Besondere ist, dass jede Sorte eine individuelle Terpenzusammensetzung besitzt.

Was ist der Entourage-Effekt?

Verschiedene Inhaltsstoffe aus der Cannabispflanze können miteinander in Verbindung treten und so eine interaktive Synergie hervorrufen. Kurz gesagt: Der Entourage-Effekt tritt dann ein, wenn Cannabinoide mit anderen Verbindungen des Gewächses, zum Beispiel Terpenen, eine stärkere Wirkung erzeugen als im Vergleich zu isolierten Wirkstoffen.